Wissenscenter › ATEX, ESD & Brandschutz · Kapitel 12/16
ATEX, ESD & Brandschutz – Risiken sauber bewerten, Anlagen korrekt absichern
Sobald Stäube, Späne, Dämpfe oder Lösungsmittel im Spiel sind, geht es nicht nur um “Absaugen”, sondern um Sicherheit: Explosionsschutz (ATEX), elektrostatische Entladung (ESD) und Brandschutz sind keine Zusatzoptionen, sondern Rahmenbedingungen, die die Auslegung von Erfassung, Rohrnetz, Filtertechnik und Steuerung direkt beeinflussen.
Dieses Kapitel gibt Ihnen eine praxisnahe Entscheidungslogik: Wann ist ATEX relevant? Welche typischen Zündquellen entstehen in Absaugsystemen? Wie sichern Sie ESD sauber ab? Und welche Brandschutzmassnahmen sind in der Praxis sinnvoll, damit aus Funken und Glutnestern kein Ereignis wird?
1) Begriffe und Abgrenzung: Was fällt unter ATEX, was unter Brandschutz, was unter ESD?
In der Praxis werden die Begriffe häufig vermischt. Sauber getrennt, entsteht Klarheit:
- ATEX / Explosionsschutz: Schutz gegen Explosionen durch explosionsfähige Atmosphäre (Staubwolken, Dampf-/Gasgemische) + Zündquelle.
- Brandschutz: Schutz gegen Brand (Glut, offene Flamme, Schwelbrand) – auch ohne explosionsfähige Atmosphäre.
- ESD: Schutz gegen elektrostatische Entladung, die sowohl als Zündquelle (ATEX/Brand) als auch als Qualitäts-/Prozessrisiko (z. B. Elektronik) relevant sein kann.
In Absaugsystemen hängen diese Themen zusammen: ESD kann eine Zündquelle sein; Brand kann Staub aufwirbeln und damit eine explosionsfähige Atmosphäre begünstigen; und falsche Filter-/Rohrnetz-Auslegung kann Ablagerungen schaffen, die sowohl Brand- als auch Explosionsrisiken erhöhen.
2) Schnell-Screening: Wann müssen Sie ATEX überhaupt ernsthaft prüfen?
Der wichtigste Schritt ist ein ehrliches Screening. Nicht jede Staubanwendung ist automatisch ATEX – aber jedes System mit brennbaren Stoffen muss so bewertet werden, dass Sie am Ende belastbar sagen können: ATEX relevant / nicht relevant – inklusive Begründung.
2.1 Typische “Trigger”, die eine ATEX-Prüfung auslösen
- Brennbare Stäube: z. B. Holz, Mehl, Zucker, Papier, Textilfasern, viele Kunststoffe, Aluminium-/Magnesiumstäube, Kohlenstoff/Graphit.
- Lösemittel / Dämpfe / VOC: z. B. Lacke, Kleber, Reinigungsmittel, Verdünner, Lösungsmittelbäder.
- Feinstäube + Prozessenergie: Schleifen, Sägen, Fräsen, Polieren, Entgraten (Funken möglich).
- Gemische / wechselnde Medien: “Heute Holz, morgen Kunststoff” – insbesondere bei Zentralanlagen.
- Geschlossene Systeme mit Ablagerungsrisiko: Rohrnetz/Filter, in dem sich Staub absetzen kann.
2.2 Einfache Entscheidungslogik (praxisnah)
1) Stoff ist brennbar (Staub/Dampf) · 2) Staubwolke/Dampf kann entstehen · 3) Zündquellen sind plausibel (Funken, ESD, heisse Oberflächen).
Wenn Sie sich unsicher sind: Dokumentieren Sie das Medium (Sicherheitsdatenblatt / Staubdaten), den Prozess und die Betriebszustände. Oft ist die Unsicherheit selbst ein Hinweis, dass eine strukturierte Bewertung notwendig ist.
3) Zonen und “wo es kritisch wird”: typische Hotspots im Absaugsystem
Explosionsschutz arbeitet in der Regel mit einer Zonendenke: Wo ist eine explosionsfähige Atmosphäre wie häufig zu erwarten? In Absaugsystemen sind die kritischen Bereiche meist nicht “irgendwo”, sondern wiederholen sich.
3.1 Typische Hotspots (Staub und Dämpfe)
- An der Erfassung: direkt am Prozess (Wolkenbildung, Funken, heisse Partikel).
- Im Rohrnetz: besonders bei falscher Nennweite (NW), zu geringer Transportgeschwindigkeit, vielen Formteilen oder langen Horizontalstrecken (Ablagerungen).
- Am Abscheider / Filter: höchste Staubkonzentration, potenziell brennbare Ablagerungen, Druckstösse im Ereignisfall.
- Staubbehälter / Big-Bag: Staubwolken beim Entleeren, Zündquellen durch Reibung/ESD.
- Fortluft / Umluft: je nach Medium und Filtration – sicherheitstechnisch besonders sensibel.
Besonders wichtig: Zonen entstehen nicht nur “im Raum”, sondern auch im Inneren von Anlagenkomponenten (Filtergehäuse, Abscheider). Das beeinflusst Materialwahl, Dichtheit, Sensorik und Schutzkonzept.
Wenn die Basis (Erfassung + Rohrnetz) nicht stimmt, wird der Rest teuer kompensiert. Vertiefung: Erfassungselemente und Rohrleitungen & Montage.
4) Explosionsschutz-Konzept: drei Ebenen, die in der Praxis funktionieren
Ein robustes Sicherheitskonzept ist selten “ein Bauteil”. Es ist eine Kombination aus vermeiden, zündquellen minimieren und Folgen begrenzen. In der Praxis denken Sie in drei Ebenen:
4.1 Ebene 1: Explosionsfähige Atmosphäre vermeiden oder reduzieren
- Erfassung optimieren: Staub/Dampf direkt an der Quelle abführen, damit sich im Raum keine Wolke aufbaut.
- Transport stabil halten: NW und Geschwindigkeiten so wählen, dass keine Ablagerungen entstehen (Ablagerungen = spätere Wolke beim “Ablösen”).
- Housekeeping: Staubaufkommen im Umfeld reduzieren (sekundäre Staubwolken sind ein Klassiker).
- Prozessführung: Lösemittel-/VOC-Quellen so begrenzen, dass keine gefährlichen Konzentrationen entstehen.
4.2 Ebene 2: Zündquellen minimieren (der häufigste Hebel)
- ESD sauber ableiten: leitfähige/antistatische Komponenten + konsequente Erdung (siehe Abschnitt 5).
- Funken/Glut abfangen: je nach Prozess Funkenfänger, Vorabscheider, geeignete Abscheidung vor Filter.
- Heisse Oberflächen vermeiden: Temperaturführung, Lagerzustand, Reibstellen, Fremdkörper im Ventilator.
- Mechanische Zündquellen: Fremdkörper, Metallkontakt, schleifende Teile – Schutz durch Konstruktion, Inspektion und Sensorik.
- Elektrische Komponenten passend wählen: je nach Zone geeignete Ausführung/Schutzart, Kabel-/Klemmtechnik sauber.
4.3 Ebene 3: Folgen begrenzen (wenn es trotz allem passiert)
Das ist der Bereich, der oft “nachgerüstet” wird – und genau deshalb teuer wird. Typische Konzepte sind:
- Druckentlastung: definierte Entlastungspfade (z. B. Entlastung nach aussen) statt unkontrollierter Gehäusebruch.
- Explosionsentkopplung: verhindert Flammen-/Druckdurchschlag ins Rohrnetz oder in den Raum.
- Überwachung: Druck-/Temperatur-/Funkenüberwachung, damit Ereignisse früh detektiert werden.
5) ESD in Absaugsystemen: wo Ladung entsteht und wie Sie sie zuverlässig ableiten
Elektrostatische Aufladung entsteht durch Reibung: Partikel/Granulate/Stäube bewegen sich durch Schläuche, Rohrleitungen, Bögen und Filtermedien. Je trockener die Luft und je isolierender die Materialien, desto stärker kann sich Ladung aufbauen. Diese Entladung kann zünden (ATEX/Brand) oder Prozesse stören (z. B. empfindliche Elektronik).
5.1 Typische ESD-Risikostellen
- Schläuche und flexible Anschlüsse: häufig isolierend, stark in Bewegung, mechanisch beansprucht.
- Kunststoffleitungen / Kunststoffteile: je nach Material und Ausführung stark isolierend.
- Filtermedien / Abscheider: hohe Partikelkonzentration, Reibung, trockene Luft.
- Behälter/Big-Bags: Staubwolken beim Entleeren + potenzielle Aufladung.
5.2 So sieht eine robuste ESD-Strategie aus
- Materialwahl: antistatische/leitfähige Schläuche und passende Verbindungstechnik dort einsetzen, wo es relevant ist.
- Potenzialausgleich/Erdung: alle leitfähigen Teile elektrisch verbinden und auf definierte Erdung führen – lückenlos, nicht “irgendwo”.
- Kontaktqualität: Erdungsbänder/Klemmen so setzen, dass sie dauerhaft Kontakt haben (Korrosion, Lack, Schmutz beachten).
- Regelmässige Prüfung: Sichtprüfung + einfache Kontinuitätsprüfung als Routine (Teil der Wartung).
ESD ist kein “einmal montiert, fertig”-Thema. Schläuche altern, Klemmen lockern sich, Korrosion entsteht. Deshalb gehört ESD-Check in die Routine: Betriebsüberwachung & Wartung.
6) Brandschutz: Funken, Glutnester und typische Fehler, die man vermeiden kann
Brandschutz ist in Absauganwendungen besonders relevant, weil Brände oft nicht “plötzlich” entstehen, sondern als Schwelbrand beginnen: heisse Partikel, Funken, glimmende Späne oder Ablagerungen im Filter/Behälter. Wenn das System zudem Leckagen oder Ablagerungen hat, eskaliert ein kleiner Auslöser schneller.
6.1 Typische Zünd-/Brandquellen im Alltag
- Schleifen/Trennen/Schweissen: Funkenflug und heisse Partikel – häufige Ursache.
- Fremdkörper im Rohrnetz: Metallteile, die im Ventilator oder an Bögen schleifen.
- Ablagerungen: Staubschichten im Rohrnetz oder Filterbereich können sich erwärmen und entzünden.
- Heisse Maschinen/Prozesse: warme Luft/Material, das direkt abgesaugt wird.
6.2 Massnahmen, die sich in der Praxis bewähren
- Vorabscheidung: entlastet Filter und reduziert Risiko von Glut-/Partikelansammlungen.
- Revisions-/Reinigungszugang: damit Ablagerungen nicht “unsichtbar” wachsen.
- Saubere Inbetriebnahme: Abgleich, Dichtheit und Messwerte – damit das System nicht dauerhaft “am Limit” läuft.
- Überwachung: Differenzdruck (Δp), Temperatur-/Sensorik je nach System – Anomalien früh erkennen.
- Betrieb/Organisation: klare Regeln für Arbeiten mit Funken (Schleifen/Schweissen), Reinigungsrhythmus, Entleerung der Behälter.
Brandschutz profitiert stark von sauberer Auslegung und korrekter Montage: Installation & Inbetriebnahme.
7) Dokumentation & Checklisten: Was Sie für eine saubere Bewertung sammeln sollten
Egal ob Sie intern bewerten oder mit Spezialisten arbeiten: Die Qualität der Eingangsdaten entscheidet, ob eine ATEX-/ESD-/Brandschutz-Strategie schnell und korrekt steht – oder ob Sie später mehrfach nachbessern müssen.
7.1 Minimum-Datenpaket (bewährt)
- Medienliste: welche Stäube/Dämpfe werden abgesaugt (auch Wechselbetrieb)?
- Unterlagen: Sicherheitsdatenblätter, Prozessbeschreibung, Fotos/Skizzen der Arbeitsplätze.
- Prozessparameter: Temperatur, Feuchte, Funkenpotenzial, Materialmengen, Betriebsprofile.
- Layout/Leitungsführung: Längen, Höhen, NW, Formteile, Anzahl Abzweige.
- Konzeptentscheidung: Umluft vs. Fortluft und Begründung (inkl. Nachströmung).
- Wartungs-/Reinigungsplan: wie werden Ablagerungen, Filterzustand, Erdung und Behälter gehandhabt?
8) Typische Fehler, die Sie vermeiden sollten
- ATEX zu spät prüfen: nachträglich umzubauen ist deutlich teurer als früh sauber zu planen.
- ESD nur “teilweise” lösen: ein leitfähiger Schlauch ohne konsequente Erdung bringt nichts – und kann trügerische Sicherheit schaffen.
- Rohrnetz “zu gross” wählen: zu geringe Geschwindigkeit → Ablagerungen → Brand-/Explosionsrisiko steigt.
- Filterbeladung ignorieren: Δp steigt, Anlage läuft instabil, Ablagerungen/Hotspots nehmen zu.
- Keine Routineprüfung: Erdung, Dichtheit, Schieberstellung, Filterzustand – ohne Routine entstehen schleichende Risiken.
FAQ
Muss jede Absauganlage ATEX-konform sein?
Nein. Aber jede Anlage, die mit potenziell brennbaren Stäuben oder Dämpfen arbeitet, muss so bewertet werden,
dass Sie belastbar begründen können, ob Explosionsschutz relevant ist oder nicht. Ohne Screening/Dokumentation
bleibt ein unnötiges Risiko.
Was ist in Absaugsystemen die häufigste Zündquelle?
In der Praxis sind es oft eine Kombination aus Funken/heissen Partikeln (Schleifen/Trennen),
ESD (Reibung in Schläuchen/Filtern) und mechanischen Reibstellen (Fremdkörper, schleifende Teile).
Deshalb müssen Erfassung, Rohrnetz, Filtertechnik und Erdung zusammenspielen.
Reicht ein “antistatischer Schlauch”, um ESD zu lösen?
Nein – wenn Erdung/Potenzialausgleich nicht konsequent umgesetzt sind, bleibt die Wirkung unsicher.
Leitfähige/antistatische Komponenten sind nur ein Baustein; entscheidend ist die durchgängige Ableitung
und die regelmässige Prüfung im Betrieb.
Warum spielt die Nennweite (NW) eine Sicherheitsrolle?
Eine zu grosse NW kann die Transportgeschwindigkeit senken. Dann lagert sich Material ab, das später als Wolke
wieder aufgewirbelt wird oder als Schicht brennt/schwelt. Das ist ein typischer “still” wachsender Risikoaufbau.
Details zur Auslegung:
Planung & Dimensionierung.
Was ist ein pragmatischer erster Schritt, wenn ich unsicher bin?
Sammeln Sie ein sauberes Datenpaket (Medienliste + Prozess + Layout + Fotos + Betriebsprofil) und klären Sie,
ob brennbare Stäube/Dämpfe und plausible Zündquellen vorliegen. Damit kann eine fachliche Beurteilung schnell
und zielgerichtet erfolgen – ohne im Nebel zu stochern.
Absaugtechnik Schweiz GmbH | Wissenscenter | ATEX, ESD & Brandschutz | Stand: Januar 2026
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