Wissenscenter › Branchenlösungen · Kapitel 15/16
Branchenlösungen – typische Prozesse, Risiken und passende Absaugkonzepte
„Die beste Absauganlage“ gibt es nicht. Was funktioniert, hängt immer von Branche, Prozess, Medium und Betriebsprofil ab. Genau hier entstehen die grossen Unterschiede: Ein Schweisstisch in der Metallindustrie verlangt eine andere Erfassung und Filterung als eine CNC-Holzbearbeitung, und eine Laseranlage verhält sich wieder anders als Schleifprozesse oder ein Granulat-Handling in der Kunststoffindustrie.
Dieses Kapitel ist Ihr Orientierungsrahmen: Sie erkennen schnell, welche Problemtypen in Ihrer Branche dominieren, welche Systembausteine entscheidend sind und wo typische Planungsfehler passieren. Für die konkrete Auslegung (Volumenstrom, Nennweiten, Druckverluste, Ventilatorbetriebspunkt) verknüpfen Sie dieses Kapitel mit: Planung & Dimensionierung.
1) Schnell-Check: Welche Branche passt am besten zu Ihrem Prozess?
Viele Betriebe sind Mischformen (z. B. Metallbearbeitung + Lackierung + Montage). Entscheidend ist immer der dominierende Emissionstyp:
- Staub (fein): Schleifstaub, Holzstaub, Pulver, Mehl/Granulate
- Späne (grob/abrasiv): Holzspäne, Metallspäne, Glas-/Steinstaub
- Rauch/Feinstpartikel: Schweissrauch, Laser-/Plasmarauch, Schneidrauch
- Dämpfe/VOCs: Lösemittel, Klebstoffe, Harze, Chemikalien
- Hitze/Funken: thermische Prozesse, Funkenflug, Glutnester
- Brennbare Atmosphären: ATEX-/ESD-Risiken, explosionsfähige Stäube/Dämpfe
Wenn Sie bereits unsicher sind, starten Sie mit: Schnellstart zur passenden Lösung und klären danach Sicherheitsthemen früh: ATEX, ESD & Brandschutz.
2) Metallindustrie: Schweissrauch, Schleifstaub, Funken
In der Metallverarbeitung sind Emissionen häufig fein (Rauch/Feinstaub) und gleichzeitig energetisch (Funken, Hitze). Das System muss daher Leistung, Sicherheit und Wartbarkeit verbinden.
Typische Prozesse
- Schweissen (MIG/MAG/TIG), Punktschweissen, Löten
- Schleifen, Entgraten, Polieren
- Thermisches Trennen: Laser, Plasma, Autogen
Kernanforderungen
- Erfassung nah an der Quelle: Absaugarm, Haube, Tisch/Kabine (je nach Prozess)
- Filterkonzept: Feinstaubtauglich, Abreinigung, sichere Staubentsorgung
- Funken-/Brandschutz: Vorabscheider/Funkenfalle, Materialwahl, Risikoprüfung
- Regelung: Mehrplatzbetrieb oft mit FU und Zonen sinnvoll
Vertiefung: Erfassungselemente, Abscheider, Filter & Filtertechnik, ATEX, ESD & Brandschutz.
3) Holzindustrie / Schreinerei: Späne, Holzstaub, Maschinenanschlüsse
In Schreinereien dominieren grosse Luftmengen und ein Mix aus Spänen (transportintensiv) und Holzstaub (gesundheitsrelevant). Der Fokus liegt auf Transportgeschwindigkeit, stabiler Verteilung und Wartungslogik (Filter, Behälter, Entsorgung).
Typische Prozesse
- Format-/Kreissägen, Hobel, Fräsen, CNC, Schleifmaschinen
- Absaugung an Maschinenstutzen, teils mehrere Stutzen pro Maschine
Kernanforderungen
- Rohrnetz: gleichmässige Verteilung, Abgleich, wenige unnötige Widerstände
- Transport: ausreichend Geschwindigkeit gegen Ablagerungen/Verstopfungen
- Filter/Entsorgung: zuverlässige Abreinigung, Behälterhandling, ggf. Brikettierung/Container
- Energie: FU/Zonenbetrieb spart bei wechselnder Nutzung oft massiv
Vertiefung: Rohrleitungen & Montage, Energieeffizienz & Kosten, Betriebsüberwachung & Wartung.
4) Kunststoffindustrie: Granulate, Stäube, Dämpfe (VOCs) und ESD
Kunststoffprozesse sind akustisch und sicherheitstechnisch oft anspruchsvoll: Es gibt Granulate (abriebarm, aber transportintensiv), feine Stäube (Additive/Füllstoffe) und teils Dämpfe (Monomere/Lösemittel). Zusätzlich ist ESD häufig relevant – nicht als „nice to have“, sondern als Sicherheits- und Qualitätsfaktor.
Typische Prozesse
- Spritzguss, Extrusion, Entgraten, Schleifen, Granulat-Förderung
- Absaugung an Trichtern, Maschinenhauben, Förderstellen, Mischern
Kernanforderungen
- Materialwahl: ESD/antistatisch, chemische Beständigkeit je Medium
- Filterkonzept: Feinstaub/Partikel vs. Dämpfe (ggf. Aktivkohle)
- Transport: stabile Luftmengen, saubere Leitungsführung, wenig Ablagerung
- Sicherheit: ATEX/ESD-Prüfung je nach Staub/Dampf-Gemisch
Vertiefung: Filtertechnik und ATEX, ESD & Brandschutz.
5) Chemie / Labor / Oberflächen: aggressive Medien und Dämpfe
Hier entscheidet weniger „Leistung“ als Material- und Medienkompetenz. Säuren, Laugen und Lösemittel greifen Standardmaterialien an, und Dämpfe verlangen oft eine andere Behandlung als Staub. Fehlentscheidungen führen zu Undichtigkeiten, Korrosion, Ausfällen und im Worst Case zu Sicherheitsproblemen.
Typische Prozesse
- Chemisches Handling, Reinigungs- und Beschichtungsprozesse
- Absaugung an Arbeitsplätzen, Hauben, Kabinen, Prozessbehältern
Kernanforderungen
- Materialbeständigkeit: Systemauswahl nach Medium (Sicherheitsdatenblatt prüfen)
- Dichtheit: saubere Verbindungen, korrekte Montage, spannungsfreie Leitungsführung
- Filter/Behandlung: Partikel vs. Dämpfe (z. B. Aktivkohle, geeignete Abscheidung)
- Korrosionsschutz: richtiges Rohr-/Schlauchsystem, passende Komponenten
Vertiefung: Rohrleitungen & Montage und Abscheider, Filter & Filtertechnik.
6) Lebensmittel / Verpackung: Hygiene, Feinstaub, Prozesssicherheit
In lebensmittelnahen Anwendungen zählen neben Performance besonders Hygiene, Reinigbarkeit und Materialkonformität. Emissionen sind oft feine Pulver (Mehl, Zucker, Gewürze) oder Stäube aus Verpackung/Etikettierung.
Typische Prozesse
- Abfüllung, Dosierung, Mischen, Verpacken
- Absaugung an Trichtern, Förderstellen, Sieben, Etikettierern
Kernanforderungen
- Materialauswahl: geeignete, reinigungsfähige Komponenten (je nach Umfeld)
- Feinstaub-Handling: zuverlässige Filterung und staubarme Entsorgung
- ATEX möglich: viele organische Stäube können explosionsfähig sein → prüfen
- Wartung: definierte Intervalle, dokumentierbare Zustände
Vertiefung: Betriebsüberwachung & Wartung und ATEX, ESD & Brandschutz.
7) Bau / Stein / Glas: abrasiv, schwer, verschleissintensiv
Abrasive Stäube und Partikel sind ein eigenes Spielfeld. Hier zählt Robustheit: Materialauswahl, Schutz vor Verschleiss, sinnvoller Vorabscheider und eine Leitungsführung, die Ablagerungen und unnötige Prallflächen reduziert.
Typische Prozesse
- Schneiden, Schleifen, Polieren von Stein/Glas
- Handling von Schüttgut, staubende Übergaben
Kernanforderungen
- Vorabscheidung: reduziert Filterlast, verlängert Standzeiten
- Verschleissschutz: robuste Komponenten, strömungsgünstige Geometrie
- Wartung: planbar, schnell, ohne unnötige Stillstände
8) Allgemeine Architektur je Branche: welche Bausteine sind meist entscheidend?
Unabhängig von der Branche gilt: Der Unterschied zwischen „geht irgendwie“ und „läuft stabil über Jahre“ ist fast immer die Qualität in diesen Punkten:
- Erfassung: Nähe zur Quelle, richtige Geometrie, ausreichender Volumenstrom
- Rohrnetz: kurze Wege, wenig Widerstand, sauberer Abgleich, passende NW
- Filterkonzept: Medium korrekt behandeln (Staub vs. Rauch vs. VOC)
- Regelung: Bedarf statt Dauer-Vollgas (FU, Klappen, Zonen)
- Nachströmung: ohne Zuluft keine stabile Absaugung (Unterdruck vermeiden)
- Wartung: Δp-Monitoring, Filterservice, Dichtheitsprüfung
- Sicherheit: ATEX/ESD/Brandschutz früh prüfen – nicht erst nach einem Zwischenfall
FAQ
Meine Firma hat mehrere Bereiche. Muss ich für jeden Bereich eine eigene Anlage planen?
Nicht zwingend. Oft ist ein Zonenkonzept sinnvoll: ein gemeinsamer Ventilator/Filter mit
getrennten Strängen und gezielter Regelung (Klappen/FU). Entscheidend ist, dass Medien und Risiken kompatibel sind
(z. B. Staub vs. Lösemitteldämpfe nicht unreflektiert mischen).
Was ist der grösste Unterschied zwischen Holz- und Metallabsaugung?
Holz erfordert meist grosse Luftmengen und stabilen Spänetransport, Metall oft feinere Partikel/Rauch und zusätzlich
Funken-/Brandschutz. Dadurch unterscheiden sich Erfassung, Filterkonzept und Sicherheitslogik.
Wann muss ich ATEX/ESD berücksichtigen?
Sobald brennbare Stäube oder Dämpfe möglich sind oder elektrostatische Aufladung ein Thema sein kann
(häufig in Kunststoff- und Pulverprozessen, teils auch in Holz/ Lebensmittel). Das muss früh geprüft werden, weil es
Systemwahl und Komponenten beeinflusst. Einstieg:
ATEX, ESD & Brandschutz.
Kann ich Branchenlösungen 1:1 übernehmen?
Nein. Branchenlösungen liefern Muster und typische Stolpersteine. Die Auslegung muss immer auf Ihre realen Daten
(Arbeitsplätze, Volumenströme, Leitungsführung, Filterbelastung, Nutzung) abgestimmt werden. Start:
Planung & Dimensionierung.
Absaugtechnik Schweiz GmbH | Wissenscenter | Branchenlösungen | Stand: Januar 2026
Für Fragen oder Feedback: Kontakt