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Erfassungselemente – die wichtigste Stellschraube jeder Absauganlage
Wenn eine Absauganlage “nicht richtig zieht”, liegt das in der Praxis oft nicht am Ventilator – sondern an der Erfassung an der Quelle. Eine saubere Erfassung reduziert den benötigten Volumenstrom, senkt Druckverluste, spart Energie und verbessert die Luftqualität spürbar. Dieses Kapitel zeigt Ihnen, wie Sie passende Erfassungselemente auswählen, richtig positionieren und so auslegen, dass die Anlage im Alltag zuverlässig funktioniert.
1) Grundprinzipien: Warum “nah dran” wichtiger ist als “gross dimensioniert”
Emissionen (Staub, Rauch, Dämpfe) breiten sich sofort in den Raum aus. Sobald die Wolke “weg” ist, müssen Sie nicht mehr an der Quelle erfassen – sondern Raumluft bewegen. Das ist um Grössenordnungen aufwändiger. Daher gilt: Erfassung so nah wie möglich an der Entstehung, so abgeschirmt wie möglich gegen Querströmungen.
1.1 Erfassungsarten (von effizient bis “teuer”)
- Punkt-/Quellabsaugung: direkt am Entstehungspunkt (Absaugarm, kleine Haube, Werkzeugabsaugung). Sehr effizient.
- Teilumschliessung: Kabine, Einhausung, Absaugtisch mit Seitenwänden. Effizient, stabil, prozesssicher.
- Flächen-/Raumerfassung: grosse Hauben weit entfernt, Hallenabsaugung ohne Quellnähe. Funktioniert nur mit sehr hohen Luftmengen.
1.2 Die wichtigste Stellschraube: Öffnungsfläche und Abstand
Jede offene Fläche, über die “Luft nachströmen kann”, erhöht den Luftbedarf. Je grösser die Öffnung, desto höher muss der Volumenstrom sein, um eine wirksame Anströmung aufzubauen. Und: Mit jedem zusätzlichen Zentimeter Abstand verliert die Erfassung massiv an Wirkung – besonders bei Rauch und feinen Partikeln.
1.3 Einfache Rechenlogik (für Plausibilitätschecks)
Für Öffnungen (z. B. Kabinenfront, Tischöffnung, Einhausung) kann man mit einer Ziel-Anströmung arbeiten: Q ≈ v × A. Q ist der Volumenstrom, v eine gewünschte Anströmgeschwindigkeit, A die Öffnungsfläche. Das liefert eine saubere Grössenordnung, bevor Sie in die Detailauslegung gehen.
- Q in m³/h (oder m³/s), v in m/s, A in m²
- Wichtig: Diese Logik ist ein Richtwert-Check. Die reale Auslegung hängt stark von Geometrie, Prozess, Querströmungen, Bedienerposition und Sicherheitsanforderungen ab.
2) Typen von Erfassungselementen – Auswahl nach Prozess
2.1 Absaugarm (flexibel, schnell, sehr verbreitet)
Absaugarme sind ideal, wenn Prozesse wechseln oder Arbeitsplätze flexibel bleiben müssen. Sie funktionieren sehr gut, wenn die Erfassung nah an der Emission positioniert wird und die Haube “im richtigen Winkel” zur Ausbreitungsrichtung steht.
- Typische Anwendungen: Schweissen, Schleifen, Löten, Klebearbeiten, Gerüche/VOCs punktuell
- Stärken: flexibel, nachrüstbar, gutes Preis-/Nutzen-Verhältnis
- Typische Fehler: Arm zu weit weg, Haube “hinter” der Emission, Querzug durch Tore/Lüftung, Arm wird aus Bequemlichkeit nicht positioniert
- Praxis-Tipp: Lieber eine stabile, leicht positionierbare Lösung als ein “High-End-Arm”, den niemand korrekt nutzt.
Wenn Sie mehrere Arme kombinieren, sind Gleichzeitigkeit, Abgleich und Regelung entscheidend: Planung & Dimensionierung und Ventilatoren & Steuerungen.
2.2 Hauben (gerichtet, effizient – wenn korrekt geführt)
Hauben sind dann stark, wenn die Emissionen eine klare Richtung haben oder wenn Sie die Strömung “führen” können (z. B. seitliche Erfassung, Rückwandabsaugung, Schlitzhauben). Eine “grosse Haube über allem” ist dagegen oft nur bei sehr hohen Luftmengen wirksam.
- Typische Anwendungen: Schleif- und Polierplätze, Materialabwurf, Band-/Tischprozesse, Maschinenabzüge
- Stärken: stabiler als Absaugarme, weniger Bedienfehler möglich, gut integrierbar
- Typische Fehler: Haube zu weit weg, Öffnung zu gross, Querströmungen ignoriert, Erfassung “über dem Kopf” statt an der Quelle
- Praxis-Tipp: Schlitz- oder Rückwandlösungen sind oft deutlich effizienter als “Canopy”-Hauben.
2.3 Absaugtisch / Down-Draft-Tisch (sauber, robust, sehr prozesssicher)
Absaugtische sind ideal, wenn Arbeiten am Tisch stattfinden (Schleifen, Entgraten, Polieren, Zuschnitt, Handbearbeitung). Der grosse Vorteil: Die Strömung kann nach unten geführt werden, und die Emissionen gehen nicht “ins Gesicht”.
- Typische Anwendungen: Metallbearbeitung (Schleifstaub), Holz (Feinstaub), Kunststoffbearbeitung, Entgraten
- Stärken: reproduzierbare Erfassung, sehr gute Luftqualität am Arbeitsplatz, weniger Bedienabhängigkeit
- Typische Fehler: Tischfläche zu gross ohne Zonierung, falsches Filter-/Abscheidekonzept, Funken/Glut nicht berücksichtigt
- Praxis-Tipp: Bei grosser Tischfläche sind Zonen und bedarfsgerechte Regelung oft der Schlüssel.
2.4 Kabinen / Teilumschliessungen (maximale Stabilität bei wenig Luft)
Kabinen, Einhausungen oder seitlich abgeschirmte Arbeitsplätze sind die effizienteste Antwort, wenn Prozesse emissionsstark sind oder wenn Querströmungen unvermeidbar sind. Jede Reduktion der offenen Frontfläche senkt den Volumenstrombedarf deutlich.
- Typische Anwendungen: Schleifkabinen, Sprüh-/Klebezonen, Staubintensive Handprozesse, Problemplätze in Hallen
- Stärken: sehr stabil, geringe Abhängigkeit von “Arm richtig halten”, gute Grundlage für Umluftkonzepte
- Typische Fehler: Frontöffnung zu gross, keine definierte Zuluft/Nachströmung, Bedienkomfort wird gegen Wirksamkeit “aufgeweicht”
Wichtig ist die Hallenluftbilanz: Nachströmung & Hallenluftbilanz.
2.5 Werkzeug-/Maschinenabsaugung (direkt im Prozess – oft die beste Lösung)
Wo immer möglich, ist die Absaugung direkt am Werkzeug oder in der Maschine der Königsweg, weil die Emissionen gar nicht erst “frei” werden. Das reduziert Luftmengen und erhöht die Prozesssauberkeit.
- Typische Anwendungen: CNC, Sägen, Fräsen, Kantenanleimen, Zerspanung (Späne), stationäre Maschinen
- Stärken: höchste Effizienz, beste Sauberkeit, geringste Exposition
- Typische Fehler: falsche NW (Geschwindigkeit bricht ein), ungünstige Leitungsführung, zu viele Formteile, fehlender Abgleich
3) Positionierung: So “gewinnen” Sie gegen Querströmung, Bediener und Realität
Gute Erfassung lebt von Positionierung. Sie können den besten Arm kaufen – wenn er im Querzug steht oder hinter der Emission platziert ist, ist die Wirkung enttäuschend. Planen Sie deshalb immer mit der realen Umgebung: Tore, Lüftung, Druckluft, Thermik, Bewegungen des Bedieners.
3.1 Strömungsrichtung und Bedienerposition
- Bediener nicht “im Strömungsweg”: Die Erfassung sollte Emissionen nicht durch die Atemzone ziehen.
- Erfassung vor der Ausbreitung: Rauch und feine Partikel steigen/ziehen schnell weg – die Erfassung muss “davor” sein.
- Querzug minimieren: Torluft, Ventilatoren, Hallenlüftung können Erfassung regelrecht “wegblasen”.
3.2 Geometrie schlägt Volumenstrom
Eine kleine, gut geführte Öffnung (z. B. Schlitz, Rückwand, Teilumschliessung) ist fast immer effizienter als eine grosse, offene Erfassung. Nutzen Sie Geometrie, Abschirmungen, Seitenwände und definierte Strömungsführung.
4) Schnittstellen zur Gesamtauslegung: NW, Rohrnetz, Filter, Regelung
Erfassungselemente bestimmen direkt, wie das System dahinter aussehen muss. Drei Punkte sind in der Praxis entscheidend:
- Nennweiten (NW) & Transportgeschwindigkeit: Wenn NW nicht zur Luftmenge passt, gibt es Ablagerungen oder unnötigen Energieverbrauch.
- Druckverluste: Jede ungünstige Geometrie, jeder enge Bogen, jede lange Schlauchstrecke erhöht Δp und senkt den Betriebspunkt.
- Filterbeladung: Der Filterzustand verändert Δp. Wenn die Anlage “auf Kante” gerechnet ist, fällt sie im Betrieb ab.
Vertiefung: Rohrleitungen & Montage, Abscheider, Filter & Filtertechnik und Ventilatoren & Steuerungen.
5) Sicherheit: Funken, Glut, ATEX/ESD – früh klären
Bei vielen Prozessen (Schleifen, Trennen, Schweissen) sind Funken oder heisse Partikel real. Das ist kein Detail, sondern ein Systemthema: Materialwahl, Vorabscheider, Funkenfänger, Filterkonzept und gegebenenfalls Schutzmassnahmen müssen zusammenpassen.
- Funken/Glut: Abscheidung und Schutzkonzept, damit der Filter nicht zum Risiko wird.
- Brennbare Stäube/Dämpfe: Risikoanalyse, geeignete Komponenten, Erdung/Leitfähigkeit, organisatorische Massnahmen.
- ESD: Potenzialausgleich, geeignete Schlauch-/Leitungskomponenten, konsequente Erdung.
Einstieg: ATEX, ESD & Brandschutz.
Quick-Checkliste: Erfassung in der Praxis richtig aufsetzen
- Was entsteht? Staub/Späne/Rauch/Dämpfe, Temperatur, Abrasivität, Klebrigkeit, Funken/Glut
- Wo entsteht es? Punktquelle, Fläche, innerhalb Maschine, wechselnder Ort
- Wie kann ich “einschliessen”? Seitenwände, Kabine, Rückwand, Schlitz statt offene Fläche
- Wie nah komme ich ran? Positionierung definieren, Bedienroutine sicherstellen
- Querzug vorhanden? Tore, Lüftung, Ventilatoren – Gegenmassnahmen (Abschirmung, andere Geometrie)
- Volumenstrom plausibel? Richtwerte / Öffnungsflächen-Check als Grössenordnung
- NW & Rohrnetz passend? Transportgeschwindigkeit und Druckverluste im Zielbereich
- Sicherheit geklärt? ATEX/ESD/Funken, Erdung, Materialkonzept
- Wartung bedacht? Reinigbarkeit, Filterwechsel, Zugänglichkeit, Messbarkeit im Betrieb
FAQ
Was ist der häufigste Fehler bei Erfassungselementen?
Zu viel Abstand zur Quelle und zu viel offene Fläche. Dann muss der Volumenstrom stark steigen, und trotzdem bleibt die Wirkung instabil – besonders bei Querströmungen.
Absaugarm oder Kabine – was ist “besser”?
Kabinen/Teilumschliessungen sind meist stabiler und benötigen oft weniger Luft, weil die Öffnung definiert ist. Absaugarme sind flexibler, aber stärker bedienerabhängig.
In vielen Betrieben ist die beste Lösung: Arm dort, wo flexibel nötig, und Teilumschliessung dort, wo es reproduzierbar sein muss.
Woran merke ich, dass Querströmung meine Erfassung zerstört?
Typische Zeichen sind schwankende Wirkung (“zieht mal, mal nicht”), Rauch/Stäube ziehen seitlich weg, und der Effekt verschlechtert sich deutlich bei geöffneten Toren oder laufender Hallenlüftung.
Dann hilft oft Abschirmung, andere Geometrie (Schlitz/Rückwand) oder eine Teilumschliessung.
Warum reicht “mehr Luft” oft nicht?
Weil offene, weit entfernte Erfassung schnell in den Bereich kommt, in dem Sie praktisch Raumluft bewegen. Das ist energetisch teuer und trotzdem anfällig.
Besser ist fast immer: Öffnungsfläche reduzieren, Strömung führen, Abstand verkürzen.
Kann ich mehrere Erfassungen einfach an einen Ventilator hängen?
Nur dann, wenn Sie Gleichzeitigkeitsannahmen, Abgleich und Regelung sauber planen. Sonst “zieht” der Strang mit dem kleinsten Widerstand die Luft weg und der letzte Arbeitsplatz verliert.
Einstieg:
Planung & Dimensionierung.
Wie gehe ich mit Funken/Glut aus Schleif- oder Trennprozessen um?
Das muss ins Gesamtkonzept: Abscheidung/Schutz vor dem Filter, geeignete Komponenten und – je nach Risiko – zusätzliche Massnahmen.
Prüfen Sie das früh über:
ATEX, ESD & Brandschutz
sowie das Filterkonzept.
Warum ist NW (Nennweite) für Erfassung überhaupt relevant?
Weil die Erfassung nur so gut ist wie der Lufttransport dahinter. Wenn NW zu gross ist, bricht die Geschwindigkeit ein (Ablagerungen); ist sie zu klein, steigen Druckverluste, Lärm und Energiebedarf.
Das Zusammenspiel wird in
Rohrleitungen & Montage
vertieft.
Absaugtechnik Schweiz GmbH | Wissenscenter | Erfassungselemente | Stand: Januar 2026
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